Harvey Milk – der wahre Christopher Street

Als vor zwei Wochen in Los Angeles die Oscars verliehen wurden, konnte der Film „Milk“ gleich zwei der goldenen Kerle für sich gewinnen. Zum einen für das beste Originaldrehbuch – geschrieben von Dustin Lance Black – und zum anderen für die Beste Hauptrolle, gespielt von Sean Penn. Zwei schwule Oscars als Indiz für ein liberales Amerika?

Erst im November wurde in Kalifornien die schwule und lesbische Ehe per Volksentscheid wieder abgeschafft. Vor allem das Engagement der fundamentalistischen Christen sowie die hohe Wahlbeteiligung der Schwarzen und Hispanics haben dafür gesorgt, dass die sogenannte Proposition 8 die Diskriminierung einer Minderheit legitimiert.

Das Ergebnis dieses Volksentscheides stellt das vorläufige Ende der Emanzipation von Schwulen und Lesben im größten US-Bundesstaat dar. Der Christopher-Street-Aufstand fand im Jahre 1969 zwar in New York statt, doch begonnen wurde der politische Kampf um die Gleichberechtigung erst etwas später in San Francisco.

Auch hier sah sich die Minderheit den ständigen Repressalien von Polizei und Nachbarschaft ausgesetzt: Razzien, Festnahmen, Bloßstellungen, Gewalt bis hin zu Morden, die die Polizei nicht aufklären wollte. Obwohl die Schwulen in der Öffentlichkeit einigermaßen offen auftraten, waren sie leichte Ziele der Unterdrückung.

In dieser Situation begann der schwule Geschäftsmann Harvey Milk sein Engagement. Er mobilisierte die bisherigen Opfer und schafft somit zum ersten Mal so etwas wie eine politische Community. Bald gelang es ihm, die Macht der gar nicht so kleinen Minderheit gezielt einzusetzen und für den Kampf um schwul-lesbische Gleichberechtigung zu gebrauchen. Durch Solidarisierung mit den Gewerkschaften, durch die Einbeziehung von Senioren und Frauen und die Besetzung von kommunalpoltischen Themen erhielt Harvey Milk immer mehr Stimmen bei seinen Kandidaturen zum Stadtrat von San Francisco.

Gleichzeitig nahm in den gesamten USA der Druck vor allem auf Schwule zu. Die reaktionären Christen fuhren eine Kampagne gegen die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben. Sie stellten das Bild einer konservativen idealen christlichen Familie gegen jede Abweichung von dieser Norm, vor allem schwule Lehrer waren ihnen eine Bedrohung. Reihenweise gewannen sie Volksabstimmungen, die die Diskriminierung von Schwule und Lesben festschrieben. Ähnlichkeiten zu unserer Gegenwart sind nicht zufällig.

Die Wut über diese Entwicklung nahm im liberalen San Francisco zu, bis Harvey Milk im Jahre 1978 schließlich als Stadtrat in das Lokalparlament gewählt wurde. Die Stadt war also endlich bereit, einen schwulen Mann zu akzeptieren und ihm Verantwortung zu übertragen.

Damit war der Kampf von Milk noch nicht beendet. Er forderte seine Mitstreiter auf, sich zu ihrer Sexualität zu bekennen. Heraus aus den Schränken war sein Motto. Und dank seiner charismatischen Überzeugungskraft outeten sich mehr und mehr Schwule und Lesben gegenüber der eigenen Familie und Arbeitskollegen. Die Homosexuellen wurden sichtbar, sie verließen ihre Verstecke und machten endlich deutlich, dass sie überall sind und nicht nur eine verschwindende Minderheit.

Einigen Konservativen ging diese Offenheit zu weit. Harvey Milk selber hat vorhergesehen, dass er einst das Opfer eines Attentats werden könnte. Und so wurde er tatsächlich am 27.11.1978 von seinem Konkurrenten im Stadtrat erschossen.

Von dieser Tat geschockt strömten noch am gleichen Abend zigtausende Menschen mit Kerzen auf die Straßen, in San Francisco und in vielen anderen großen Städten der USA. Tagelange Unruhen folgten.

So traurig das war, aber vielleicht war die Ermordung des Harvey Milk die tatsächliche Initialzündung der schwul-lesbischen Bewegung. Vielleicht ist Harvey Milk der wahre Christopher Street.

Heute, dreißig Jahre danach, haben wir anscheinend eine andere Situation. Doch wenn man als Schwuler oder als Lesbe inzwischen auch freier leben kann, so beweisen doch die Volksabstimmungen in den USA, dass die fundamentalistischen Christen ihren Kampf gegen Schwule und Lesben noch aufgegeben haben. Und sie haben die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich.

Bereits im Jahre 1985 wurde eine Dokumentation mit dem Titel „Wer war Harvey Milk“ mit einem Oscar ausgezeichnet. Für den einen oder anderen war dieser Film damals ein Ansporn für das Coming Out.

Die beiden Oskars für den Film „Milk“ in diesem Jahr sind ein klares Bekenntnis zur Gleichberechtigung. Der Drehbuchautor Dustin Lance Black versicherte, dass er ohne Harvey Milk sein Leben nicht hätte leben können. Er rief vor allen den jungen Schwulen und Lesben zu: „You are beautiful wonderful creatures of value“.
Sean Penn forderte öffentlich: „Wir brauchen gleiche Rechte für jeden“. Damit zielte er direkt auf die Diskussion um die Homo-Ehe in Kalifornien.

Für uns ist Amerika scheinbar weit weg. Doch welchen Kampf haben wir zu führen? Wie wollen wir unsere Rechte, unsere Bürgerrechte durchsetzen und als vollwertige Menschen anerkannt werden? Ist unsere liberale Gesellschaft von Dauer? Auch bei uns werden wir Schwule und Lesben von Fundamentalisten bekämpft.

 Der Dokumentarfilm aus den Achtzigern ist unter dem Titel „The Times of Harvey Milk“ auf DVD erhältlich.

 Und für Freunde des geschriebenen Wortes ist das Buch „Harvey Milk – Ein Leben für die Community“ von Randy Shilts zu empfehlen, kürzlich neu erschienen im Bruno Gmünder Verlag.