Loveparade ohne Liebe

Zu der Loveparade und der dort gespielten Musik kann man sicherlich viele unterschiedliche Meinungen haben. Schließlich leben wir in einer pluralistischen Gesellschaft. Mir z.B. gefallen auch keine „Umta-Täterä“-Klatsch-Veranstaltungen vom Stile des Florian Silbereisen. Wobei die Mechanismen der Begeisterung („Die Masse macht’s!“) meiner Vermutung nach dieselben sind. Irgendwie ist es doch spannend, dass wir in der Illusion unserer Individualität so sehr nach solchen Massenerlebnissen streben.

Bemerkenswert fand ich persönlich, dass ich „auf dem Boden der Tatsachen“, also unten im Schlamm der Straßen die Veranstaltung doch anders wahrgenommen habe, als uns kurze Zeit später im Fernsehen gezeigt wurde. Dort gab es nämlich Gestalten, die gar nicht dem vermittelten Bild entsprachen: Ob es Fascho-Gruppen, Besoffskis oder krawallsuchende Teilnehmer waren: Es war mir unheimlich, wer sich denn alles diesem Event angeschlossen hatte.

Ich möchte trotzdem vermuten, dass die „größte Loveparade von ganz‘ Welt“ für Dortmund sicher vorteilhaft sein wird. Nicht vorteilhaft – nämlich provinziell finde ich dann jedoch die Diskussion um Pipi an den Wänden, um die Zahl 1,6 Mio. (oder waren es doch nur 1.567.890,7 Teilnehmer?) oder die nicht auskunftsfähigen Polizeibeamten (also bitte: die Jungs wurden aus dem ganzen Land zusammengezogen, was sollten die sich in DO auskennen?). Als wenn dies beim Schützenfest auf dem Land jemals anders gewesen wäre. (Hypothese an dieser Stelle: Die Loveparade ist das metropole Schützenfest der 2000er Jahre!) Und sogar bei der Kirchweih soll es sowas manchmal geben. Solch ein Verhalten kann man selbst beim Kleingartenvereinsfest mit 200 Leuten beobachten. Nur die Dimensionen waren am Samstag halt andere.

Die Kritiker möchte ich einmal fragen, was sie anders gemacht hätten. Was hätten sie besser gemacht, wenn sie die Verantwortung über 1,6 Mio. Menschen gehabt hätten (abgesehen vom Verbieten von allen Massenveranstaltungen natürlich – wo ist die Grenze beim Verbieten, vielleicht dann doch beim Kleingartenvereinsfest? –  und abgesehen von einem Vorgehen nach dem Floriansprinzip, nämlich die Loveparade nach Berlin zurück zu verlagern… ).

Ich bin denjenigen, die für unsere Sicherheit gesorgt haben, sehr dankbar!

Ich möchte meine Kritik nun auf eine andere Sache konzentrieren, die aber unabhängig davon ist, ob die Loveparade in Dortmund oder in Pusemuckel stattfindet (ich hatte diesmal halt nur das erste Mal die „Gelegenheit“, sie live zu erleben, weil ich unmittelbar an der B1 wohne – Gruß an diesen Stelle an die Flughafengegner!).

In den Medien wurde immer von einem tollen Gemeinschaftserlebnis gesprochen. Ich habe den Tag als lauten, bunten und doch substanzlosen Massenkonsum erlebt. In der Mehrzahl (und in meiner Wahrnehmung) handelte es sich um ein millionenfaches egomanisches Konsumerlebnis: Man steht in der Masse neben einem Float, konsumiert m.E. unmelodiöse Musik, Alkohol und sonstige Drogen, tanzt sich fast in meditative Zustände … und geht flegelhaft mit der Umwelt um. Kreativ war allenfalls der Fummel, und selbst der ging in der Masse schließlich unter.

Dass inhaltsloses Gestampfe (sorry an die „Freunde elektronischer Musik“, aber so ist nun mal mein Musikgeschmack) so viele Menschen bewegen kann, die rücksichtslos Dinge tun, die … nicht gut sind, zeugt vielleicht von der Inhaltsleere der Gesellschaft. Die lautstarke Musik verpufft halt in Schall und Rauch, aber sie füllt uns vielleicht doch nicht aus? Zumindest nicht nachhaltig. Wieso ist es nicht möglich, ebenso viele Menschen zu bewegen, wenn es um unsere Zukunft geht?

Wenn die Abschlussveranstaltung an der Westfalenhalle eine „Kundgebung“ war, wie sie häufig genannt wird, was wurde dann so fürchterlich laut kund getan? Dass wir weiterhin konsumieren, konsumieren, konsumieren, dabei unseren egoistischen Spaß haben und uns andere Menschen egal sind, dass wir uns in einem Rausch der Welt entziehen, dass wir anschließend einen vermüllten Boden hinterlassen?

Was für eine Analogie zu unserer Gesellschaft von heute.

Und hiermit möchte ich meine Kritik auf den Punkt bringen: Mit LOVE hatte die Loveparade nichts zu tun!