Ich bin da noch mal hin: Mit Gott und Hape auf dem Jakobsweg

von Anne Butterfield

Nicht wirklich wichtig…

Ich will nicht abstreiten, dass Anne Butterfield schreiben kann. Ob es nun ihre eigene Schreibe ist oder Übersetzung und Lektorat den größeren Beitrag geleistet haben, bleibt dahin gestellt. Aber ich hätte mir mehr Neues gewünscht.

Anne hängt sich an ihre Wanderung mit Hake Kerkeling. Als sie sich im Jahre 2010 zum zweiten Mal aufmacht, den Jakobsweg zu beschreiten, versucht sie – wie sie schreibt – das alte Gefühl wiederzufinden, die alten Einsichten. Warum ist es ihr nicht gelungen, ihre Erkenntnisse in ihr alltägliches Leben zu integrieren? Sie macht sich also mit dem Fahrrad auf, voller Ehrgeiz, mit einer vollen Agenda, viel Gepäck und viel Erwartungen auf den Schultern bzw. in den Packtaschen.

Die Erkenntnisse auf dieser zweiten Wanderung, die sie uns vermitteln will, bleiben aber diffus. Zunächst einmal die Erkenntnis, dass der Camino zu Fuß zu beschreiten ist, statt mit dem Fahrrad. Aber warum denn nun? Weil sie mit dem Fahrrad oft alleine unterwegs war? Oder weil die Radwege nicht so schön waren (weil nicht vorhanden und daher an der Landstraße entlang zu fahren) wie die Wanderwege? Dann die Fragen, die sie mit sich herum schleppt: Was ist der Sinn des Jakobsweges? Hm. Ist das für Anne nur der Anknüpfungspunkt, um Kontakt herzustellen zu anderen Pilgern? Sie fragt Priester am Rande des Camino, Herbergsmütter, andere Pilger … und ich versuche mich zu erinnern, ob Annes Erkenntnis bei mir hängen geblieben ist. Irgendwie nicht.

Den Rahmen bildet die Fußball-WM 2010, die bekanntlich Spanien gewonnen hat. Anne schaut sich mehrere Spiele an, bewertet diese und lässt die Niederlage Englands gegen Deutschland nochmal vorbeiziehen. WM gab’s 2001 mit Hape nicht.

Ihre Erinnerungen an den gemeinsamen Weg mit Hape Kerkeling nehmen einen nicht geringen Teil der Erzählung ein. Oder anders: Sie knüpft daran an, und die Lektüre von „Ich bin dann mal weg“ wird fast schon vorausgesetzt, um einige Dinge zu verstehen. Ob aber der nicht-deutsche Leser die Anspielungen und Erinnerungen versteht? Ich glaube nicht.

Überhaupt scheint Annes Verhältnis zu ihrer damaligen Begegnung zwiespältig zu sein: Einerseits ist sie genervt darüber, dass andere Leute sie heimlich fotografieren, weil man sie erkannt hat, andererseits macht sie anderen Leuten gegenüber solche Anspielungen, dass man sie erkennen muss. Schließlich gibt sie sogar Autogramme und lässt sich als „Promi“ mit anderen Pilgern fotografieren.

Ich hätte es für eine schöne Erkenntnis gehalten, wenn Anne als Anne gelaufen wäre und sich selber auch so erkannt hätte, nicht als diejenige, die damals mit Hape gelaufen ist. Ich hätte mir gewünscht, dass Annes Erzählungen mehr aus ihrem Leben heraus gekommen wären. Abgesehen vom Weg 2001 und dass sie eine Schwester hat, weiß ich immer noch nicht viel von ihr. Ist ja grundsätzlich ok, wenn sie stattdessen was Schönes zu erzählen hätte. Ich will ihr ja einen gewissen Humor – auch beim Schreiben – ja gar nicht absprechen, aber was ist der Sinn? Keine Reisebeschreibung, kein Road-Movie-Buch, keine „Wanderung durch die Mark Brandenburg“ mit schönen Landschaftsbeschreibungen, kein Hotel- oder Herbergenführer.

Auch die spirituelle Frage konnte Anne mir nicht näher bringen. Einerseits erinnert sie sich an Kindertage in der christlichen Sonntagsschule, betrachtet Marien- und Jesus-Statuen und nimmt an diversen Gottesdiensten teil, andererseits reagiert sie auf katholisches Brimborium mitunter allergisch, als wenn dann die Wissenschaftlerin heraus kommen würde.

Insgesamt bedauere ich, dass ich in dem Buch keinen roten Faden, keine Entwicklung beobachten kann. Natürlich wusste Anne, dass sie sich an dem Buch von Hape Kerkeling messen lassen müsste, aber dass sie es so gar nicht schafft, ihre Erleuchtung (???) darzustellen. Es ist eher ein Wandertagebuch mit guten und schlechten Tagen, aber sie kommt dem Endpunkt nicht näher. Mir fehlt der Spannungsbogen. Und das Ende ist dann so plötzlich, weil ich dachte, auf den letzten 20 Seiten gäbe es ein erhellendes Fazit, doch als nur noch Übersetzungen, Quellenangaben und die Danksagung kamen (und einige Literaturtipps des Verlages), war ich doch enttäuscht.

Naja, ich bedauere dieses Buch nicht. Aber wer die Fortsetzung von Hape erwartet, liegt hier insofern falsch, weil dies nur der Anknüpfungen wegen bei dem einen oder anderen funktioniert, nicht aber hinsichtlich des Erkenntnisgewinns oder der zusätzlichen Weisheit dient.