17. Mai – der Tag der Schwulen?!

Als Jugendlicher schon habe ich es vernommen: Der 17. Mai ist der Tag der Schwulis, der Feiertag der Warmduscher, der Jubeltag der Handtaschenträger, der Gedenktag der Mokkastecher, und so weiter.

Ich wusste schon mit diesen Begriffen lange Zeit nichts anzufangen. Und warum ausgerechnet dieser Tag von so seltsamen Leuten gefeiert werden sollte, habe ich erst recht nicht verstanden.

Doch dann wurde ich selber ein Schwuli, und dann wurde ich aufgeklärt: Die Ziffern 1 – 7 – 5 standen nämlich auch für den Paragraphen 175. Und diese Vorschrift im deutschen Strafgesetzbuch war eben – der Schwulenparagraph. Er zählte den schwulen Sex, und zwar nur den schwulen Sex, zwischen Erwachsenen und Jugendlichen zu den Straftaten. Genau wegen dieses Paragraphens werden Schwule in Deutschland Hunderfünfundsiebziger genannt.

Bis heute übrigens – zumindest von den älteren Herrschaften –, obwohl dieser Paragraph als unseliges Überbleibsel der NS-Diktatur immerhin schon 1994 endgültig abgeschafft wurde. Erst seit diesem Jahr gibt es für schwule Sexualität keine Sonderrechte mehr. Naja, zumindest formal. Und zumindest in Deutschland. Hm, oder doch irgendwie? Denken wir an die peinlichen Unterschiede zwischen Hetero-Ehe und Eingetragener Partnerschaft. Aber das ist ein anderes Thema.

Wir wissen hoffentlich, dass wir uns in Europa wie im Homo-Paradies fühlen können. In anderen Ländern sieht es bekanntlich wesentlich schlimmer aus – um nicht zu sagen: tödlich. In einigen Staaten geht die Strafe für Homosexualität bis hin zur Hinrichtung, z.B. durch Steinigung.

Zurück zum 17. Mai. Für uns Schwuletten ist dieser Tag noch aus anderem Grund ein denkwürdiges Datum. Seit 1990 wissen wir nämlich, dass wir nicht krank sind. Häh, was? Ja, tatsächlich, nicht krank. Am 17.05.1990 hat die Weltgesundheitsorganisation – die WHO –Homosexualität von der Liste der Krankheiten gestrichen. In den Augen der Vereinten Nationen sind wir also nicht mehr krank!

Jippieh, mag man da denken. Wir sind also doch gesund!

Wir sind gesund? Wieso suchen die Genforscher weltweit dann immer noch nach dem Homo-Gen? Handelt es sich bei Schwulen und Lesben nicht vielleicht doch um Mutationen? Ist unsere Lebensweise die Folge eines Defektes in unserem Erbgut? Sind wir vielleicht doch genetische Monster?

Und: Kann man diese Gendefekte nicht behandeln? Oder noch besser: Wird es irgendwann gar möglich sein, die Geburt von schwulen und lesbischen Kindern ganz zu verhindern? Wird die vorgeburtliche Diagnose einer schweren Schwuppilities künftig ein Abtreibungsgrund für den mutierten Fötus sein?

Warum nicht? Man muss sich ja nur mal die Qualen der Eltern vorstellen, die heutzutage gezwungen sind, ein nicht gesundes Kind, ein schwules Kind großzuziehen. Wie schön wäre es doch, wenn man das endlich verhindern könnte.

Ich frage mich nur: Wenn meine Schwulitäten das Ergebnis meiner Gen-Kombinationen sind, wieso werde ich dann von den Religionen diskriminiert? Hat mich nicht der Liebe Gott dann so geschaffen wie ich bin? Bin ich dann nicht Gottes Werk ? Oder bin ich doch eher Teufels Beitrag? Oder bin ich einfach nur freiwillig pervers?

Ist mir egal! rufe ich da aus. Heute ist mein Tag, heute ist der 17.5., der Tag der Schwulen, der Tag zum Feiern meiner perversen Neigungen.

Weltweit wird am heutigen 17. Mai der „International Day Against Homophobia“ begangen. Seit 2005 versuchen Aktivisten aus aller Welt, dass die Vereinten Nationen den Tag offiziell anerkennen.

Ich halte inne und überlege, dass heute gar kein Grund für Party-Laune ist.

Zwar war das 20. Jahrhundert ohne Zweifel die gewalttätigste homophobe Zeit der Menschheitsgeschichte: Deportationen ins KZ unter dem Nazi-Regime, sowjetische Gulags, Erpressung und Verfolgung in den USA der McCarthy-Ära“, so lautet auch die Begründung für die Notwendigkeit des „Gedenktages“. Aber auch heute ist es in vielen Ländern nicht besser geworden – und in einigen sogar noch schlimmer. Die Aktivisten wollen deshalb dafür kämpfen, dass das 21. Jahrhundert friedlicher verlaufen wird.

Machen wir deshalb diesen 17.05. zu einem wirklichen Gedenktag.

Einfach nur feiern können wir zum CSD, wenn wir im bunten Fummel zugedröhnt durch die Straßen von Köln ziehen.

Am heutigen Tag der Schwulen sollten wir stattdessen aufmerksam machen auf die Qualen, denen Schwule und Lesben bis heute ausgesetzt sind. Gedenken wir heute der Opfer von Homo-Feindlichkeit. Und grübeln wir doch einen Moment darüber nach, wie wir diese Welt besser machen können.