Zum Zehnjährigen

Kaum habe ich mit meinem neuen Schwarm im Winter 2001 die ersten verliebten Blicke ausgetauscht, und schon sind zehn Jahre vergangen. Jawohl: Seit dem 03. Februar 2011 befinde ich im elften Jahr meiner Affaire – mit meinem jetzigen Gatten.

Mir ist klar, dass ich damit zu einer verschwindend kleinen Minderheit gehöre. Zumindest wenn ich den konservativen Fuzzis aus dem rechten politischen Lager, namentlich der CDU und CSU, glauben sollte: Homosexuelle Beziehungen seien nicht auf Dauer ausgelegt, heißt es da. Wenn’s danach gehen sollte, bin ich ja dauerhaft nur auf schnellen Sex aus.

Doch selbst die schwule Öffentlichkeit bricht einen Stab über die Fähigkeit des gemeinen homophilen Mannes, sich dauerhaft auf einen anderen Mann einzulassen, wäre doch das Geschlecht sozusagen evolutionärbiologisch eher darauf ausgerichtet, seinen Samen auf möglichst viele Empfänger zu verteilen. Ist doch schon komisch, wie nahe sich schwule Lifestyle-Agents und CSU-Provinz-Vorsitzende in dieser Frage sind.

Und so werden mir dann aus der Community auch regelmäßig die Umfrageergebnisse und Statistiken unter die Nase gehalten, dass ich inzwischen entweder in gar keiner Beziehung oder in einer offenen Beziehung leben müsste – mindestens.

Offene Beziehung? Ja, dass ist wohl der Begriff für jene Art des Arrangements, in dem man sich vielleicht noch die Liebe, aber auf keinen Fall den exklusiven Zugriff auf Dödel bzw. Popo verspricht. Die Grenze zur Wohngemeinschaft oder zum gemeinwirtschaftlichen Projekt ist da mitunter fließend.

Aber auch die zehn Jahre währende, monogam geführte Beziehung bietet viele Optionen. Immer beliebter werden mit der Zeit diejenigen, die auf Abhängigkeit oder gar auf Hassliebe aufbauen. Wenn man sich gegenseitig langweilt oder sich gegenseitig, gar vor anderen Leuten, schlecht macht. Der Kitt, der das Ganze dann noch zusammenhält, ist vielleicht die gemeinsame Eigentumswohnung, die Katzen bzw. Hunde, oder einfach die Gewohnheit. Bei den Heteros müssten an dieser Stelle übrigens die Kinder mit aufgezählt werden – fordern wir deswegen vielleicht alle ein Adoptionsrecht für Schwule und Lesben?

Mitunter bin ich ja spießig. Und ich bin mir gewiss, dass ich den einen oder anderen Freund in unserem Umfeld mit meiner Beziehung anöde. Mehrere Partnerschaften im Freundeskreis sind inzwischen beendet worden, manche der Mitmänner sind seit Jahren auf Suche, mehr oder weniger erfolg- und mitunter hoffnungslos, selbst in Zeiten von Gay-Romeo. Da kann man als Buttercremetorten-Double echt schon mal nerven.

Ich bezeichne mich nun als Mitte vierzig. Und würde ich eine persönliche Statistik führen über neue abgeschlossene Verträge, pardon, Beziehungen, so fällt mir auf, dass dass sich die Menschen gerne ernsthaft binden, wenn sie jünger sind. Sagen wir, so um die 30. Vorher reihen sich mehrere 6-Wochen-schwule-Ewigkeiten, also Kurzzeit-Klüngel, aneinander. Dann aber hat man irgendwann genügend ausprobiert, rumgehurt und Erfahrungen gesammelt, dann weiß man endlich, wohin man will, was man will.

Ich will das Leben in einer Zweisamkeit nicht als allgemeingültiges Muster verherrlichen, ganz gewiss nicht. Ich glaube sogar, dass die monogame Zweisamkeit ein Überbleibsel der patriarchalen Strukturen in unserer Gesellschaft sind, in der der Mann seine Frau besitzt, in der Kinder heran gezüchtet werden sollen, um den Fortbestand der Rasse zu sichern. Am Besten dann noch mit amtlichen Siegel – unter der Heiratsurkunde, weil das ganze System ist ja auch staatstragend.

Übrigens: Meiner Zweisamkeit verweigert der Staat seit fast acht Jahren den steuerlichen Geldsegen, und das nur, weil ich nicht heterosexuell verpartnert bin, somit keine Kinder zeuge und somit nicht systemrelevant bin.

Was ist eigentlich das Geheimnis Eurer Beziehung? Werde ich nun schon manchmal gefragt. Und ich komme mir vor wie ein 108Jähriger, der nach dem Grund für sein langes Leben gefragt wird. Nun, nicht rauchen und viel Olivenöl könnte ich dann sagen. Noch besser gefällt mir, dass man mit einem langen Leben gesegnet sei, warum also nicht auch mit einer langen Beziehung gesegnet sein?

Das ist ein schöner Gedanke, klingt mir aber irgendwie zu passiv. So als säße dort irgendein Gottonkel vor einem Spielbrett und würde bestimmen: Der Klaus, der bekommt drei Jahre Beziehung, der Wilhelm 50 Jahre, na, und den Ernst-Joseph, den machen wir zum Dauer-Single, der ist beziehungsunfähig.

So läuft es nicht, liebe Leute. Ich will ja nicht abstreiten, dass auch unbewusste oder gar instinktive Faktoren eine Rolle spielen. Man sagt zum Beispiel, Frauen würden sich ihren Partner nach dem Geruch auswählen, und weil sich unter Hormoneinfluss der Geruchssinn verändert, wären nach der Menopause oder dem Absetzen der Pille viele Ehen zuende. Und auch andersrum: Vielleicht kann der Mann ja tatsächlich riechen, wann die Frau den Eisprung hat.

Aber das sind ja Überlegungen, die bei mann-männlicher Liebe nicht so richtig funktionieren. Wobei: Manche Instinktsteuerung ist doch auch bei uns offensichtlich, oder?

Nur, wie springt der Instinkt an, wenn der Arsch erst mal 10 cm weiter unten hängt und die ersten Instandsetzungsarbeiten am Körper notwendig wären? Ein muskelgestählter Body ist ein Fundament, welches ganz schnell vom Fluss des Alterns unterspült wird.

Um zehn Jahre wirklich mit einem anderen Menschen glücklich zu sein, bedarf es meiner Meinung nach nur weniger, aber sehr wichtiger Dinge.

Und nun, aufgepasst, nun breitet der wahre Beziehungs-Meister einige seiner Geheimnisse aus:

  • Werte: Ich möchte mir mit meinem Mann einig sein über die Dinge, die im Leben wichtig sind. Und dies sind weniger die materiellen Werte (Eigentumswohnung, DVD-Sammlung, Off-Road-PKW), als die Zuordnung zu Gut und Böse.
  • Intimität: Damit ist nicht das gemeinsame Kacken gemeint, sondern das Teilen von Gedanken, Ängsten, Hoffnungen.
  • Wege: Man muss nicht gemeinsame Ziele haben. Wichtig ist die Bereitschaft, den Weg gemeinsam zu gehen, schön wenn auch die Richtung stimmt.
  • Wille: Ja, ganz wichtig: Ich muss meinen Mann an meiner Seite wollen. Das ist eine ganz bewusste Entscheidung, und daraus sind ganz bewusste Handlungen ableitbar. Wer nicht den Willen hat, der wird – mitunter unbewusst – Dinge tun, die trennen.
    Oder anders ausgedrückt: Die Energie folgt den Gedanken.

Und damit schließt der Onkel Rüdi seinen Bericht. Gehet nun hin in alle Welt und paaret Euch. Wenn ihr wollt. Jetzt. Sofort. Wild und mit Schweiß. Und – wer will – auf ewig.