Der LSVD wird 20 Jahre alt

Unsere schwul-lesbische Interessenvertretung feiert Jubiläum und kann auf zwei Jahrzehnte erfolgreiche Bürgerrechtsarbeit zurückblicken. Doch der LSVD ist nicht unumstritten. Von Beginn an stellte sich die Frage, ob man sich der heterosexuellen Mehrheit anbiedern sollte.
Ich erinnere mich noch an die alten Zeiten und blicke zurück.

Das Jahr 1990 war in vielerlei Hinsicht weltbewegend. Nach dem Sturz der Berliner Mauer krempelte sich der gesamte Ostblock um und löste sich schließlich auf, und Deutschland beendete mit der sogenannten Wiedervereinigung die Nachkriegszeit.
Dies hatte auch Folgen für die Schwulen. Im Zuge des Anschlusses der DDR stellte sich die Frage, wie man mit dem in Westdeutschland immer noch gültigen Paragraphen 175, dem Schwulen-Paragraph, umgehen sollte. Er wurde erst 1994 abgeschafft.

In der DDR war zumindest formaljuristisch nichts für Schwule und Lesben zu befürchten. Der § 175 war schon früher abgeschafft worden. Doch tatsächlich konnte sich die Szene der Homosexuellen unter dem ostdeutschen Regime zunächst nur im Verborgenen formieren und stand bis zum Schluss unter verschärfter Beobachtung durch die Stasi: Dem Unrechtsstaat waren die „Unnormalen“ durchaus suspekt. Am 18. Februar 1990 bildete sich schließlich in Leipzig der „Schwulenverband der DDR“, der SVD. Er sah sich von Anfang an als Teil der Bürgerrechtsbewegung.

Schwule „Bürgerrechtsbewegung“: Was in Ostdeutschland durchaus die Strukturen erschüttern konnte, was in der DDR noch als Akt der Befreiung galt, wurde von der westdeutschen Bewegung nur mit spitzen Lippen ausgesprochen.
Hier hatte sich schon 1986 der „Bundesverband Homosexualität“ – BVH – formiert. Die politischen Ziele dieses Vereines waren umstritten und der BVH hatte lange Zeit mit internen Streitigkeiten um die richtige Richtung zu kämpfen. Für Kritik sorgte zum Beispiel die Aufnahme von Pädohilen-Selbsthilfegruppen, sahen einige darin doch eine Instrumentalisierung des Verbandes und eine Stigmatisierung der schwulen Sache durch „perverse Triebtäter“. Andere argumentierten wiederum, man dürfe als unterdrückte Minderheit nicht eigene Minderheiten unterdrücken.

Der SVD konnte sich derweil vom Osten in den Westen ausdehnen. Er umgab sich stets mit der Aura von „Bürgerrechtspolitik“ und gab sich stets Mühe, „sauberer“, bürgerlicher daher zu kommen. Der SVD war dadurch irgendwie gesellschaftsfähiger. Zug um Zug wurde der ostdeutsche Verband von westdeutschen Funktionären übernommen.

Für einige wirkte das Saubermann-Image abstoßend. Sollte man sich als Schwuler der Hetero-Mehrheit soweit anbiedern, dass man sich nur noch in der Auswahl der Sexualpartner von den Spießern unterschied?
Der SVD machte im August 1992 bundesweit durch die „Aktion Standesamt“ von sich reden, als mehrere schwule und lesbische Paare, darunter unvergessen auch Hella von Sinnen und Cornelia Scheel, ihr Aufgebot zur Eheschließung bestellten. Doch die Öffnung der Ehe scheiterte am Bundesverfassungsgericht.

Derweil kämpfte der BVH von ziemlich weit links um viel weitergehende Lebenskonzepte: Warum sollte die Ehe nur auf zwei Menschen beschränkt sein? Warum führten wir in Deutschland nicht die Viel-Ehe ein? Einige Mitglieder des BVH betrachteten schwules Leben an sich schon als revolutionäre Aussage. Sie forderten nicht weniger als die Fortsetzung der sexuellen Revolution der 60er und 70er Jahre. Schwule Sexualität, vor allem in ihrer freizügigeren Variante, sollte Vorbild sein und auch die Heterosexuelle Mehrheit inspirieren. Platt gesagt: Die Heteros sollten alle ein bisschen schwuler werden.
Die Zeiten haben sich schließlich gegen den BVH gewandt. Deutschland wurde die Vereinigung von Ost und West und durch den Zuzug von Menschen aus Osteuropa konservativer. Man muss nur mal darüber nachdenken, wie lange Helmut Kohl nach 1990 noch in Deutschland regierte.
In solchen Verhältnissen war kein Platz mehr für die Visionen von einer multisexuellen Gesellschaft, in der es egal ist, mit wem – und mit wie vielen – man in die Kiste steigt. Daher war 1997 die Zeit des Bundesverbandes Homosexualität vorbei, der Verein löste sich auf.

Längst hatte die sogenannte Bürgerrechtspolitik des SVD diesen Platz eingenommen und sich zum alleinigen Sprachrohr von Schwulen und Lesben aufgeschwungen. Lobbyismus war das Stichwort. Vor allem wollte man aber deutlich machen, dass Schwule und Lesben doch eigentlich gar nicht anders sind als die Heteros. Homos sahen plötzlich nicht mehr aus wie schmuddelige Woodstock-Hippies oder Leder-Sklaven, sondern kamen im Anzug daher.
Dieses Konzept ging auf. Mehr und mehr übernahmen Parteien wie zunächst die Grünen die Forderungen des SVD. Vielleicht hat dieses Engagement schließlich auch zum Wahlerfolg von Rot-Grün im Jahre 1998 geführt. Und somit gab es endlich eine parlamentarische Mehrheit, um die „Homo-Ehe light“ einzuführen. Der LSVD hat dabei unzweifelhaft eine Hauptrolle gespielt.

Aber warum sind wir heute, im Jahre Neun der „Eingetragenen Lebenspartnerschaft“, noch nicht weiter? Nun, der LSVD ist – wie gesagt – personell vor allem bei den Grünen verankert. Die FDP schreibt sich zwar auch die Gleichstellung von Schwulen und Lesben auf die Fahnen, hat aber bis heute in wesentlichen Fragen nicht bewiesen, dass sie sich gegenüber der Union durchsetzen kann oder will – Steuersenkungen für die Besserverdienenden sind offensichtlich wichtiger.

Was sind heute die schwulen und lesbischen Forderungen? Revolution? Anpassung? Gleichstellung? Gleichmacherei? Der LSVD besteht nur aus 3500 Mitgliedern. Das ist allenfalls eine sprechende Minderheit unter allen Homos dieses Landes.
Und die schweigende Mehrheit? Solange sich keine andere Gruppe zusammenfindet, um bessere Homo-Rechte einzufordern, werden wir den LSVD weiter brauchen.

Ich gratuliere jedenfalls dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland e.V. zum 20. Geburtstag.