Ein Jahr Obama

Vor etwas mehr als einem Jahr schaute die Welt nach Washington, um mitzuerleben, wie vor dem Kapitol erstmalig ein schwarzer Mann die Hand zum Schwur erhob, um amerikanischer Präsident zu werden. Seit dem 20. Januar 2009 ist Barack Obama nun im Amt. Ist die Zeit schon reif für einen Rückblick?

 

Die Hoffnungen der Schwulen und Lesben wurden bereits am 5. November 2008 befeuert, als Obama in seiner Rede zur gerade gewonnen Wahl ausrief, der Sieg gehöre allen, unter anderem auch den Homosexuellen. Nach acht Jahren George W. Bush, dem selbsternannten wiedererweckten Christen im höchsten Staatsamt, wollte die Moralin-übersäuerte Welt wieder aufatmen. Endlich wieder ein Demokrat, endlich ein Angehöriger einer unterdrückten Minderheit, endlich ein Präsident, der sich schon im Wahlkampf für Schwule und Lesben ausgesprochen hatte.

President Obama sollte allerdings ein Land übernehmen, welches bis heute zutiefst gespalten ist – zwischen liberalen, der Zukunft zugewandten Kräften und rückwärtsgewandten, evangelikalen Überchristen, die noch an Adam und Eva glauben, wahrscheinlich auch an den Weihnachtsmann.

Schon im Zuge der Amtseinführung Obamas kam es zu Irritationen bei Schwulen und Lesben. Auf der einen Seite betete der offen schwule Anglikaner-Bischof Gene Robinson. Auf der anderen Seite sprach der ausgewiesene Homo-Hasser Rick Warren zur Inauguration Obamas. Gay-America war verwirrt.

Trotzdem vertraute man Obama – z.B. aufgrund einer Bürgerrechts-Agenda, die kurz nach seiner Vereidigung auf der Webseite des Weißen Hauses zu lesen war. Danach sollte die Diskriminierung von Schwulen und Lesben abgebaut werden, unter anderem durch Einführung einer “Civil Union”, einer Art Eingetragener Lebenspartnerschaft, durch die Akzeptanz von Homosexuellen beim US-Militär, durch eine neue AIDS-Strategie und durch ein Adoptionsrecht für Schwule und Lesben.

Was wurde davon bis heute umgesetzt? Auf den ersten Blick nicht viel:

  • Ein Ende der “Don’t ask – Don’t tell”-Politik in der Armee ist nicht in Sicht: Weiterhin werden US-Soldaten aus dem Militär rausgeschmissen, sobald sie ihre Homosexualität öffentlich machen.
  • Eine Homo-Ehe oder etwas ähnliches gibt es nur in wenigen liberalen Bundesstaaten, in vielen anderen hat das Verbot der Homo-Ehe inzwischen Verfassungsrang bekommen, sogar in Kalifornien. Und auf Bundesebene gilt bis heute ein Gesetz, welches die Anerkennung solcher Partnerschaften verbietet.

Aber vielleicht sind es ja auch die kleinen Zeichen, die der amerikanische Präsident gesetzt hat, die von dem neuen Geist im Weißen Haus zeugen:

  • Der nationale AIDS-Koordinator, der unter der Bush-Regierung für die moralisierende Aids-Politik stand, die auf Enthaltsamkeit setzte, wurde aus seinem Amt entfernt.
  • Im Juni 2009 hat Obama erstmalig Homo-Gruppen ins Weiße Haus eingeladen.
  • Im gleichen Monat wurden durch Gesetz die Bundesbeamten, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben, mit den verheirateten Bundesbeamten gleichgestellt.
  • Im Oktober wurde posthum der Schwulen-Aktivist Harvey Milk durch Obama geehrt.
  • Verbrechen aus Hass gegen Schwule und Lesben, sogenannte “Hate-Crimes”, werden inzwischen durch das sogenannte Matthew-Shepard-Gesetz höher bestraft.
  • Im November wurde das seit 1987 geltende Einreiseverbot für HIV-Positive endlich aufgehoben.
  • Die US-Außenministerin Hillary Clinton setzt sich dafür ein, ihr Land müsse sich weltweit dafür einsetzen, homofeindliche Gewalt zu stoppen.

Warum dieses Hin und Her? Nun, Obama bezeichnet sich selbst als Christ. Und er muss ein Land regieren, welches eben nicht nur aus liberalen Städten wie New York und San Francisco besteht. Dazwischen lebt vielmehr eine große, zutiefst religiöse, zum Teil fanatisch-evangelikale Bevölkerung, die z.B. in mehreren Volksabstimmungen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben mit Gottes Segen wünscht und gesetzlich verankert, eine Bevölkerung, zu der im Vergleich die Einwohnern der Vatikanstadt noch als fortschrittlich gelten dürften.

Obamas Problem ist, dass er es einfach allen recht machen will. Er sprach selber vor katholischen Journalisten vom Widerspruch, Christ zu sein und sich für Homo-Rechte einzusetzen. Als Protestant erklärte er: “Lesben und Schwule fühlen sich in diesem Land benachteiligt und nicht nur unter bestimmten Lehren der katholischen Kirche, sondern des christlichen Glaubens allgemein.” Und weiter: “Als Christ kämpfe ich andauernd zwischen meinem Glauben und der Sorge um die Rechte für Schwule und Lesben.

Ein Jahr ist gerade mal seit der Amtsübernahme vergangen. Denken wir daran zurück, dass die rot-grüne Bundesregierung nach der gewonnenen Bundestagswahl 1998 bis zum Jahre 2001 – also fast drei Jahre – brauchte, um die Eingetragene Lebenspartnerschaft ins Leben zu rufen. Und eigentlich hat sie es durch diesen Zeitverzug versaut, weil eine Gleichberechtigung bis heute dank Union und FDP nicht umgesetzt werden konnte.

Dass Obama seine Versprechen nicht vergessen hat, macht er immer wieder deutlich. Zuletzt wiederholte er in der traditionellen Rede zur Lage der Nation vor den US-Abgeordneten seine Absicht, das Homo-Verbot im Militär aufzuheben.

Wie könnten wir von diesem schwarzen Messias die Rettung der Homo-Welt in nur 365 Tagen erwarten? Er hat immerhin noch drei Jahre Zeit – mindestens -, seine Versprechen umzusetzen.

Seien wir doch mal ehrlich: Möchten wir selber dieses Land regieren? Glauben wir, wir könnten diese Nation von heute auf morgen vom religiösen Mief der Ära Bush befreien und in eine homofreundliche Zukunft bringen? Sollten wir nicht eher dankbar sein, dass Obama bis hierhin gekommen ist, ohne erschossen worden zu sein? Bekloppte, die seinen Tod wünschen, gibt es wahrscheinlich zur Genüge, und sie wohnen größtenteils nicht am Hindukusch, sondern irgendwo in der amerikanischen Prärie.

Können wir noch warten?