Oben ist es still

Oben ist es still: Roman (suhrkamp taschenbuch) 

von Gerbrand Bakker

Wie fühlt es sich wohl an, wenn der Zwillingsbruder stirbt? Wenn man plötzlich nur die Hälfte eines Doppelkörpers ist? Wenn man auf einmal alle Erwartungen, die zweien galten, alleine erfüllen muss? Und wenn man sich dabei auch noch wie die zweite Wahl fühlt.

Henk und Helmer, bisher nur im Doppelpack genannt, doch durch einen Unfall verliert Helmer seinen Bruder. All seine Lebenspläne sind damit über den Haufen geworfen, weil der Vater Helmer nun auf einmal zum Bauern machen will, eine Rolle, die ursprünglich Henk ausfüllen sollte. Helmer ordnet sich den Wünschen unter und gibt sein eigenes Leben auf. Und so wundert es nicht, dass Helmer niemand zur Seite steht, weder Frau noch Partner.

Fast vierzig Jahre unterdrückt Helmer seine eigenen Bedürfnisse. Doch eines Tages schiebt er seinen inzwischen bettlägerigen Vater ins Obergeschoss ab und fährt Pflege nur noch auf Sparflamme. Eine späte Rache? Oder doch eher die fortgesetzte Unfähigkeit, miteinander zu sprechen, auszutauschen, was einen bewegt.

Erst als ein junger Bursche zum Arbeiten auf den Hof geschickt wird, deutet sich an, wie Helmer seine Gefühle über Jahrzehnte zurück gehalten hat. Schmerz, Verletzungen, Hoffnungslosigkeit, Aufgabe. Für wen eigentlich? Für einen knorrigen, lieblosen alten Sack von Vater?

Die Geschichte ist sehr schön geschrieben. Die Dialoge sind wortkarg und bringen sehr viel von der bäuerlichen Sturheit rüber. Obwohl Helmer alleine ist, wirkt er in seiner Einsamkeit gefasst. Rückblenden beleuchten die einst besseren Zeiten, die Einigkeit mit dem Zwillingsbruder, die Kraft der Jugend. Doch vieles bleibt auch in Andeutungen, eine gewisse Homoerotik bleibt unaussprochen im Raum. Und der tagtägliche Trott auf dem Bauernhof: Eher ein Quell von Achtsamkeit und Unaufgeregtheit oder doch eher von quälender Eintönigkeit?

Der Roman hat eine Ruhe, die inspirierend ist. Es passiert nicht wirklich etwas aufregendes, oder nein, doch, aber es wird so unaufgeregt beschrieben, dass für mich daraus fast schon eine buddhistische Gelassenheit spricht.

Wirklich schön!