Losing It

von Keith Gray

Kurzgeschichten sind eigentlich nicht so mein Fall. Für meine Verhältnisse wird zu vieles ausgelassen, was gewiss von der eigenen Phantasie gefüllt werden soll. Aber das Offene Ende wird meist vom Offenen Anfang eingeleitet, und zwischendurch bleiben nur wenige Zeilen für die Geschichte und das mir notwendige Setting.

Es gibt aber auch gute Kurzgeschichten, die zum Nachdenken anregen. In diesem Fall schon alleine wegen der Zusammenstellung.

In „Losing It“ meint das „It“ die Unschuld, die verloren geht. Oder präziser: Um den ersten Sex. Entsprechend handelt es oft von Jugendlichen, aber – wie schön – nicht von solchen der westlichen Welt. Wie klein und banal wirken nämlich deren Ängste im Vergleich zu den daneben gestellten Bedingungen z.B. in Indien. Sehr gelungen, meiner Meinung nach.

Nicht alle Storys sind aus der Ich-Perspektive geschrieben, doch in allen fühlt man mit. Die Angst vor dem Unbekannten, die Erwartungen, die Not, es auf jeden Fall richtig zu machen, aber auch die Gier, es zu entdecken, der Gruppendruck, die gesellschaftliche Moral, das was „Normal“ ist und was abweicht – es werden sehr viele Aspekte angerührt. Und sie werden –durch die Sammlung dieser Geschichten – aus verschiedenen Sichten beleuchtet. Es gibt eben nicht nur eine Moral, und so ist das Buch auch eine Mischung aus Tragödie und Komödie. 

Verborgen bleibt dagegen zum Glück der Mythos der Unschuld, sozusagen der Jungfrauen, vor denen noch nicht einmal die Einhörner Angst haben. Die gepflegte Bigotterie der Über-Religiösen wirkt mal albern, mal empörend und die Jungfräulichkeit wird auch nicht als verteidigenswerte Marienerscheinung durch das Buch getragen.

Schade ist, dass sehr viele Stereotypen versammelt sind. Zu oft, hat man das ein oder andere schon so oder so ähnlich gesehen, in „American Pie“ oder „Beautiful Thing“ oder „Tausend Strahlende Sonnen“. Keine Geschichte überrascht also wirklich.

So finde ich persönlich es z.B. blöd, dass schwule „Erste Mal“ wieder eine Tragödie sein muss, mit allen Problemen von Coming Out, Mobbing, Schrank-Schwulen und so weiter. Wäre doch mal witzig, in der schwulen Entjungferung mal etwas „normales“ zu sehen und nicht immer gleich den weltbewegenden Aufbruch und die Zerstörung der behüteten Welt, damti erschwert man nämlich auch das Coming Out.

Ob dies wohl ein Buch ist, welches man Jugendlichen an die Hand geben könnte? Warum nicht, allerdings sollten sie schon so etwa 14 Jahre alt sein, weil sich manche Andeutungen vielleicht sonst nicht erschließen. Aber gerade die verschiedenen Perspektiven und weil die Moral erwähnt, aber nicht verteidigt wird, finde ich das Buch sehr gut. Es legt nicht fest, was richtig oder falsch ist, sondern zeigt nur auf, das man nicht alleine ist mit dieser irgendwie bekloppten Sache.