Ich, mein Karma und Er

von Anne Cushman

ISBN: 3442473268

Nun gut, ich muss gestehen, dass ich mich vom Cover auf dem Grabbeltisch habe verleiten lassen. Und der Titel sowie die Rückseite des Buches mit mehreren Fragen haben mich angesprochen. Und warum auch nicht mal Frauenliteratur, also, ich meine so richtige Frauenliteratur?

Zur Geschichte: Yoga-Frau aus San Francisco soll Buch über Erleuchtung in Indien schreiben. Auf der Reise durch die Meditationszentren schleppt sie einigen emotionalen Ballast mit sich, den sie natürlich nach und nach über Bord werfen muss. Soweit eine schöne, wenn auch nicht neue Idee.

Die Umsetzung gerät jedoch äußerst bieder. Die Meditationszentren sind alle von westlichen Eso-Touristen besucht, für die dort vermittelten Weisheiten kann man auch den Abreißkalender bemühen und die Begegnungen mit den Menschen bleiben oberflächlich und vorhersehbar. Wer meint, dieses Buch würde echte Weisheiten generieren, der wird enttäuscht sein; in jeder Tageszeitungsbeilage zum Thema Reisen und Entspannung ist mehr „Spirit“ enthalten.

Was der Ich-Erzählerin überhaupt nicht gelingt, ist das Zurücklassen von alten Strukturen und Denkweisen. Indien scheint ihr im Wesentlichen zu ekelig zu sein, zu arm, zu unhygienisch. Und die Ashrams, in denen sie sich aufhält, scheinen eher Geld abzuzapfen als Einsichten zu vermitteln – auch wenn davon nicht direkt die Rede ist. Die Weisheit Indiens und seiner vielfältigen Religionen, Regionen, Völker, Philosophien, Gurus usw. in solchen Zentren entdecken zu können, ist schon reichlich anmaßend. Diesen Tripp hätte man dann genauso gut durch die Zentren von Amerika machen können. Wahrscheinlich wäre sogar ein Ausflug nach Little India in Singapur erweckender gewesen.

Ich hätte mir da ja etwas mehr Impulse vom männlichen Begleiter erwartet, der so als Indie-Jesus daher kommt, aber auch der ist nur ein Abklatsch eines Pseudo-Hippies.

Die Bilder bleiben für meine Verhältnisse zu schwach. Indien bleibt in der Darstellung flach und rückständig. Überhaupt kein Reiz, die Autorisch scheint überhaupt nicht von Indien berührt zu sein. Und die Konflikte, die ggf. in den Ashrams oder mit sich selbst zu bewältigen sind, drehen sich nicht um die eigene Seele, sondern um Kindergartenkram, den die Protagonistin von zuhause mitschleppt.

Puh, und wie verklemmt das ganze daher kommt. Ich hatte den Eindruck, man wolle mir das US-amerikanische Lebensmodell rosa angestrichen neu verkaufen: Frau braucht Mann, Kind braucht Vater, Mutter braucht Großmutter, Entbindung braucht (US-)Krankenhaus, alle brauchen Geld! Da bringt auch das Yoga keinen alternativen Glanz rein. Das „progressive“ Element kommt nur daher, dass der Ausgangspunkt in Frisco liegt und somit in der Hippie-Stadt von USA. Doch selbst dieser Schauplatz ist für meine Verhältnisse nur konservativ. Aber lässt man selbst das mal weg, hätte das ganze auch gut an der biederen Ostküste spielen können.

Dieses Buch weist keinen Weg! Es erweitert keinen Horizont! Es verharrt in der US-Begrenztheit! Es inspiriert nicht!

Warum dann drei Punkte? Naja, die Sprache ist „nett“, das Buch liest sich so weg, d.h. es ist einfach einfache Unterhaltung. Aber wahrhaft nicht mehr.