Heilpraktiker-Ausbildungswissen – auf den Punkt gebracht

Mit Zugang zur Medizinwelt

von Dölcker, Dagmar

Umfassendes Lehrbuch mit guter Struktur

Über 900 Seiten kleingedruckter Text mit vielen Abbildungen und spezieller, lernunterstützender Struktur sollen das sehr komplexe medizinische Wissen darstellen, welches man in der gewiss nicht trivialen Heilpraktikerprüfung parat haben muss.
Ich meine, dies ist gut gelungen! Zwar gibt es Verbesserungspotenzial, die man vielleicht bei der zweiten Auflage berücksichtigen könnte (dazu später mehr), aber ja: Das Buch kann ein wichtiger Baustein zur Vorbereitung auf die HP-Prüfung sein, sozusagen das Standardwerk für den langen Weg durch alle Organsysteme und Krankheiten, der persönliche Leitfaden fürs Lernen.

Zur Struktur:
Das auffälligste an diesem Buch ist vielleicht der Aufbau der Seiten: Auf fast jeder etwa DIN-A4-großen Seite befindet sich eine Spalte mit der Überschrift „Auf den Punkt gebracht“, die etwa ⅓ der Seite einnimmt. Dort finden sich die wichtigen und unbedingt zu merkenden Punkte mit einer kurzen Erklärung.
Ich finde, diese Merkposten am Rand sind soweit hilfreich, wenn es um das fixe Wiederholen des Stoffes geht: Wenn ich Wissenslücken feststelle, kann ich in den gründlicheren Haupttext springen.
Zwischendurch steht in der Randspalte auch schon mal „Achtung“ oder „Merke“ und es wird auf wichtige, gelb oder rot herausgehobenen Textblöcke gezeigt, in dem sich häufige Fragen und manche Fallen der Heilpraktikerprüfung finden lassen. Aber natürlich sind es auch wichtige Hinweise für die spätere Behandlung von Patienten.
Weniger gelungen finde ich, dass in der „Auf den Punkt gebracht“-Spalte bei den Abbildungen – die ich für sehr gut halte! – nur die Nummer der Abbildung aufgeführt ist; das hätte man gerne auch hier um ein kurzes Stichwort ergänzen können.
Diese Merk-Spalten, in der auch eigene handschriftliche Notizen gut Platz finden, sind das Herausstellungsmerkmal gegenüber den u.g. Büchern von Richter, Bierbach & Schweitzer.

Zum Inhalt von „Heilpraktiker-Ausbildungswissen“:
Der wichtigste Prüfungsstoff besteht sicherlich in der richtigen Handhabung von Notfällen, in der sicheren Erkennung von Infektionskrankheiten sowie in der Gesetzes- und Berufskunde. Man muss als HP wissen, was man zu tun hat, was man keinesfalls darf und wie man in gefährlichen medizinischen Fällen zu handeln hat. Dieser Stoff wird regelmäßig und umfassend vom Amtsarzt abgefragt und mitunter wird man dabei aufs Glatteis gebracht. Hieran wird festgemacht, ob man „eine Gefahr für die Volksgesundheit“ darstellt (siehe Heilpraktiker-Gesetz). Deshalb halte ich es persönlich für wichtig, dass man gerade in diesen Bereichen die Zusammenhänge und die Gründe versteht. Das reine Auswendiglernen von Symptomen hilft ganz bestimmt nicht.

Leider ist mir noch kein Buch begegnet, dass die Infektionskrankheiten in einer für mich gut lernbaren Struktur (= vernetzt) innerhalb eines Kapitels darstellt. In diesem Werk ist der Stoff vollständig und umfassend. Die wichtigsten (Kardinal-)Symptome sind herausgestellt, die „Pathogenese“ hilft zu verstehen, wie die jeweilige Krankheit funktioniert. Die Verknüpfung für mein Gehirn muss ich mir jedoch selber herstellen, alleine damit der Stoff dort hängenbleibt. Zwar werden viele Querverweise gegeben, aber in einem Papierbuch bedeutet dies sehr viel Blätterei. Man sollte sich selber fürs Lernen Mindmaps erstellen. Wer Mühe hat, die Infektionskrankheiten umfassend zu lernen, sollte sich ggf. das u.g. Buch von Bierbach & Georgi mal ansehen, dort gibt es auch gute Lernhilfen, in Form von Merksprüchen u.a..

Die Gesetzeskunde enthält mir persönlich viel zu viele Gesetzestexte im Original, also in dem äußerst schwer zu lesenden Juristendeutsch. Das kommt, v.a. so kleingeschrieben, sehr trocken daher (Bleiwüste). Da hätte ich mir gewünscht, dass man das Wesentliche besser herausarbeitet und didaktisch irgendwie aufbereitet hätte. Man merkt, dass dieser Block nicht die Kardinaldisziplin der Autorin ist. Hilfreicher wäre m.E., die einzelnen Tatbestandsmerkmale aufzulisten (also die Spaghetti-Sätze zu sortieren) und die Paragraphen in eine inhaltliche Struktur zu bringen und nicht in der Reihenfolge der Nummerierung der Paragraphen zu belassen. Etwas Grafik in diesem Kapitel könnte das Erreichen des Lernziels vielleicht auch unterstützen.

Was für die Handhabung dieses Brechers von Buch hilfreich wäre, wäre ein Register, mit dem man die Kapitel an der Seite schnell hätte aufschlagen können. Das hätte man günstig durch eine Farbcodierung am Seitenrand hinbekommen und wäre sicherlich eine Empfehlung für die zweite Auflage. So muss ich mir die Kapitelmarken selber mit Post-Its oder sonstigen Klebelaschen setzen.

Etwas gestolpert bin ich übrigens, als gleich nach der üblichen Einleitung (Impressum, Vorwort, Abkürzungs-, Abbildungs- und Inhaltsverzeichnis) zunächst ein recht kurzer Text „Zum Beruf des Heilpraktikers“ (nur 1 ½ Seiten!) kommt und dann sofort das Kapitel „Chemie, Biochemie, Biologie und Terminologie“. Und dabei gehts wirklich mit sehr Grundsätzlichem los, wie z.B. der Aufbau eines Atoms, das Schalenmodell des Atoms, das Periodensystem der Elemente; der Zitratzyklus wird erläutert, die Glukoneogenese, also Chemie und Physik aus der gymnasialen Oberstufe. Es folgen Ausführungen zu einigen Grundbegriffen (medizinische Lage- und Bewegungsbezeichnungen). Über zehn Seiten folgen Tabellen mit sprachlichen Hinweisen aus der Medizin, also Übersetzungen vor Vorsilben, Nachsilben, Wortstämmen usw. (leider wird nicht angegeben, ob der Begriff jeweils aus dem Griechischen oder Lateinischen kommt).
Ich finde dieses erste Kapitel insofern schräg, weil mir dieser Stoff den Einstieg in die Ausbildung ziemlich verleidet hätte. OK, ich sehe ein, dass alle weiteren Zusammenhänge darauf aufbauen. Es ist notwendig, wenn man die Gründe und das Funktionieren von Erkrankungen in aller Tiefe verstehen möchte. Ob dies prüfungsrelevant ist, hängt wahrscheinlich vom Gesundheitsamt ab. (Es soll ja schon mal der eine oder andere Amtsarzt nach dem Zitratzyklus gefragt haben…).
Jedenfalls: Unter dem Gesichtspunkt der Vollständigkeit ist dieses Kapitel in diesem Buch natürlich unbedingt erforderlich.

Und auch die anderen Kapitel erscheinen mir vollständig. Natürlich habe ich es noch nicht vollständig durchgearbeitet und natürlich würden „Voll-Mediziner“ oder die Heilpraktiker-Hasser der Spiegel-Redaktion genügend Haare in der Suppe finden, um daran aufzuzeigen, wie oberflächlich die HP-Ausbildung und damit der HP-Berufsstand doch ist. Aber keinesfalls, man sollte doch einfach mal eine beliebige Seite aus diesem Buch herausgreifen, einen Arzt nach allen Symptomen einer Krankheit fragen. Ich glaube, die wissen Jahre nach ihrem Staatsexamen auch nichts mehr jenseits ihres Fachgebietes.
Ich finde, dieses Buch ist vollständig, darauf wird das Lektorat geachtet haben.

Die online-Funktionen zu diesem Buch habe ich noch nicht getestet. Man kann sich über eine Pin „zeitlich begrenzten Online-Zugriff auf den Buchinhalt“ sowie „ggf. Zugriff auf exklusive Zusatzinhalte“ verschaffen, indem man sich auf einer Internetseite registriert und/oder eine passende App fürs Smartphone oder Tablet installiert. Das halte ich heutzutage für eine gute Angelegenheit, nicht zuletzt weil ein Tablett sich für unterwegs mitunter besser eignet als dieses Buch mit seinen fast drei Kilo. Warum der Online-Zugriff allerdings zeitlich begrenzt ist, ist mir ein Rätsel.

Fazit:
Der Elsevier-Verlag hat schon zwei umfassende Lehrbücher für Heilpraktiker-Anwärter im Programm: von Isolde Richter das „Lehrbuch für Heilpraktiker: Medizinische und juristische Grundlagen“ und von Elvira Bierbach „Naturheilpraxis heute: Lehrbuch und Atlas – Mit Zugang zum Elsevier-Portal“. Außerdem sollte man vielleicht noch „Die Heilpraktiker-Akademie in 14 Bänden: mit Zugang zum Elsevier-Portal“ von Rudolf Schweitzer erwähnen, dieses reicht aber in seiner Detailtiefe fast schon für ein ganzes Medizinstudium. Nun also noch ein weiterer schwerer Schinken, der helfen soll, den Prüfungsstoff zu erarbeiten.

Ich selber habe nun die Bücher von Elvira Bierbach (Naturheilpraxis heute) und Dagmar Dölcker (Heilpraktiker-Ausbildungswissen) zur Hand, die Bücher von Isolde Richter (Lehrbuch für Heilpraktiker) und Rudolf Schweitzer (Heilpraktiker-Akademie) kenne ich nur vom gründlichen Durchblättern im Buchladen. Ich persönlich würde das Dölcker-Buch auf den zweiten Platz (nach Bierbach) setzen, das ist aber letztlich Geschmacksach“. Es verdient vier Sterne (von fünf), weil es m.E. den Prüfungsstoff vollständig und grundsätzlich in einer guten Struktur darstellt. Den einen Punkt ziehe ich ab, weil ich noch Verbesserungspotenzial in der Handhabung und in einzelnen Kapiteln bei der didaktischen Aufbereitung sehe.

Meiner Meinung nach sollte man sich im Buchladen die Bücher möglichst ansehen, in der Hand wiegen, durchblättern, anlesen und schließlich schauen, welches von der Struktur her am Besten zu den eigenen Lernanforderungen passt, um sich eines davon auszusuchen.

Ich glaube allerdings, eines dieser Bücher alleine reicht nicht: ergänzend empfehle ich vielmehr „Infektionskrankheiten von A-Z für Heilpraktiker: Infektionsschutzgesetz – Infektiologie – Lernhilfen“ von Georgi & Bierbach (auch Elsevier-Verlag) – einfach weil dies die gefährlichste Hürde in der Prüfung ist – sowie zum Wiederholen aus dem gleichen Verlag die diversen Lernkarten, z.B.
Lernkarten Krankheitslehre Set 1 für die Heilpraktikerausbildung: Herz-Kreislaufsystem, Atmungssystem, Harnwegssystem, Verdauungssystem, Immunsystem/Blut, Stoffwechsel, Hormonsystem, Trias-Trainer,
Lernkarten Krankheitslehre Set 2 für die Heilpraktikerausbildung: Dermatologie, HNO, Auge, Neurologie, Gynäkologie, Andrologie, Bewegungsapparat, Psychiatrie, Notfallmedizin,
Lernkarten Infektionskrankheiten: Pathologie und Gesetzeskunde für Heilpraktiker,
Lernkarten Heilpraktikerprüfung: 300 aktuelle Originalprüfungsfragen mit Kommentaren.

Und man sollte sich unbedingt mit dem Thema „Differentialdiagnose“ auseinandersetzen, nach dem Motto: Kommt ein Patient in die Praxis und hat diese und jene Symptome, wie gehen Sie vor (Untersuchung), welche Krankheit ist es, wie behandeln Sie (wenn man als HP überhaupt darf…)? Denn in der mündlichen Prüfung und, noch wichtiger, im richtigen HP-Leben werden genau solche Fälle vorkommen. Und man muss in der Prüfungi deutlich machen, dass man nicht nur den Stoff parat hat, sondern auch das „Handwerk“ des Mediziners versteht und verantwortungsvoll auszuüben weiß. Das ist m.E. kein Wissen, welches man alleine aus Büchern lernen kann, sondern hier geht es um vernetztes Denken. Der Patient (und gewiss nicht der Prüfer) wird einen die Fragen nicht in der Struktur irgendeines Buches vorbringen, also eine feste Sammlung von Symptomen, die sich 1:1 im Lehrbuch wiederfinden. Man muss sich seine Diagnose selber basteln, und es kommt bei den Prüfern, meiner Erfahrung nach, gut an, wenn man seine Gedankengänge (man sollte welche haben) offen darlegt und sich zu einem Ergebnis hinarbeitet.
Mitunter empfiehlt es sich hier auch, in entsprechende Lerngruppen zu gehen, wo man die Differentialdiagnose auch in einer Art Rollenspiel vornimmt.

Zum Abschluss:
Ich muss darauf hinweisen, dass mir dieses Buch vom Elsevier als Rezensionsexemplar zur Verfügung wurdet, und vielleicht habe ich mir mit dieser Rezension soviel Mühe gegeben. Natürlich ist meine Rezension subjektiv.
Ich finde aber auch, die meisten brauchbaren Bücher für Heilpraktiker kommen tatsächlich aus dem Elsevier-Verlag. Dort ist man sich also nicht zu fein, Literatur für das „Heilpraktiker-Milieu“ vorzuhalten, neben den Büchern für die „richtigen Mediziner“, also die Ärzte. Meine Anerkennung dafür!