Hape Kerkeling: Der Junge muss an die frische Luft

Hape Kerkeling ist derzeit wohl der beliebteste lebende deutsche Komiker. Mit seinen Figuren wie Hannilein, Herr Schwäbli, Königin Beatrix, Uschi Blum oder – natürlich – Horst Schlämmer bewegt er nun schon seit fast 30 Jahren unsere bundesdeutschen Lachmuskeln.

Nicht nur in seinen Figuren ist Hape Kerkeling vielseitig, sondern auch in seinen Talenten. Neben der darstellenden Kunst scheint er zunehmend das Schreiben zu seinem zweiten Standbein ausbauen zu wollen.

Mit „Ich bin dann mal weg“ hat er vorgelegt und die Bestsellerlisten halb Westeuropas gefüllt – von den Auswirkungen auf die Pilgerzahlen auf dem Jakobsweg ganz zu schweigen. Der „Kerkeling-Effekt“ füllt bis heute die Kathedrale von Santiago de Compostella mit Deutschen auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung.

Mit „Der Junge muss an die frische Luft“ legt er nun nach. Diesmal widmet sich Hape Kerkeling seiner eigenen Kindheit, so zwischen sechs und dreizehn Jahren.

Es ist die Geschichte eines dicklichen Jungen, den es in den sechziger Jahren von der Landidylle ins nördliche Ruhrgebiet verschlägt.

Im Mittelpunkt der dargelegten Erinnerungen stehen die Frauen jener Zeit, vor allem die beiden Omas und die Mutter – drei starke Frauen.

Die Medien haben sich nach der Veröffentlichung des Buches gleich auf die Erkrankung von Hape Kerkelings Mutter, einer schwerwiegenden Depression, und vor allem auf den daraus folgenden Suizid gestürzt. Aber diese, vom deutschen Boulevard vorverdaute Tragödie sollte doch bitte nicht das einzige sein, was von der Lektüre dieser Kindheitsgeschichte übrig bleibt.

Wir nun im Alter zwischen 40 und 60 sind die Kinder einer Kriegsgeneration. Wir haben Eltern erlebt, die teilweise traumatisiert waren von Bombenkrieg, vom Verlust des Vaters, vom Verlust der Heimat, von der Schulderkenntnis. Es ist bemerkenswert, welche Kraft unsere Eltern aufgebracht haben, uns trotzdem ein geborgenes Heim zu bieten – auch wenn es gewiss nicht immer oder nicht immer alles gelungen ist.

Das neue Buch von Hape Kerkeling ist nach meinem Empfinden auch vor allem eine Verbeugung vor den Herren und Damen, die in jener Zeit trotz allem so vieles geschafft haben.

Vor seiner Oma Änne, die kraftvoll einen eigenen Laden geführt hat und lustig und unternehmungsfreudig ihren Enkeln die weite Welt geboten hat.

Vor seiner lachenden Mutter Margret, die Oma Änne dann am Lebensende pflegen musste, nebenbei zum Haushalt, zu den beiden eigenen Kindern, natürlich.

Und vor seiner anderen Oma, Bertha, die dann mit über siebzig von jetzt auf gleich die Erziehung zweier Enkelkinder übernehmen musste.

Nicht zu vergessen eine Verbeugung vor den beiden Großvätern, auch mitgenommen vom 2. Weltkrieg.

Die Erinnerungen an diese Personen kommen allesamt sehr liebevoll daher. Sie haben Hape Kerkeling trotz aller eigener Verletzungen ein warmes, liebevolles und inspirierendes Heim geschaffen, und – ja natürlich – dieses Heim hat Hape Kerkeling wohl zu jenem gemacht, den wir heute kennen – oder zu kennen glauben.

Vielleicht klingt manchmal ein bisschen zu viel Verständnis mit, die Erinnerungen an die Kindheit  sind ein bisschen sehr verklärt und klingen zuweilen etwas altklug. Kurz: Die Erinnerungen werden mir mit etwas zu viel Buttercreme serviert.

Aber warum auch nicht. Das Buch ist erfüllt von Dankbarkeit und Wertschätzung. Vielleicht hebt es sich gerade deshalb auch ab von den literarisch hochgeistigen Betroffenheits-Sozialdramen, wo sonst in der Regel der saufende Vater die drogensüchtige Mutter verprügeln muss, um die Herzen der Leser zu erreichen – und gute Literatur-Kritiken.

Nein, sowas braucht Hape Kerkeling nicht, um sein persönliches Drama darzustellen – ohne aber darauf rumzureiten, als müsste die eigene, ach so schlimme Kindheit als Rechtfertigung für alle Verfehlungen und das Elend der Welt herhalten.

Mag die Redaktion der Bildzeitung unter anderem mit der Schlagzeile „Suizid-Beichte“ herumfabulieren, was die verletzte Seele Hape Kerkeling bis heute zu soviel Komik antreibt.

Mag der geneigte Bild-Zeitungsleser sich nun vielleicht auch eine Erklärung dafür stricken, dass eben jene Kindheit Hape Kerkeling schwul gemacht hat – die drei starken Frauen sind bestimmt Schuld daran!

Alles Blabla. Warum nicht einfach mal so wirken lassen?

Hape Kerkeling erhebt erneut nicht den Anspruch, einen Beitrag für den deutschen Literatur-Kanon zu leisten. Das Buch ist mehr. Es berührt. Hape Kerkeling ist wieder gelungen, eine neue Seite von sich zu offenbaren – und uns damit zu erwärmen.

„Der Junge muss an die frische Luft“ … könnte uns allen guttun.

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Das Buch „Der Junge muss an die frische Luft“ von Hape Kerkeling ist im Piper-Verlag erschienen und kostet mit seinen 320 Seiten 19,90 €.

Empfehlenswert ist gewiss auch das von Hape Kerkeling selbst eingesprochene Hörbuch, welches mit seinen 465 Minuten bei Osterwold erschienen ist.