Samba de Futból! – Gedanken zur Fußball-WM 2014

Oh nein, nicht schon wieder Fußball. Eigentlich hab’ ich ja Verständnis für jeden, dessen Ohren schon bluten, weil schon wieder über Fußball berichtet wird: Die WM in Brasilien läuft gefühlt auf allen Fernseh- und Radio-Kanälen, verwandelt jede verregnete Grillparty in eine Versammlung gröhlender Halb-Neadertaler, dominiert die Vorgeplänkel zu jeder dienstlichen Besprechung – und die Live-Spielanalysen der Deutschen Couch-Potatoes, die sowieso die besseren Trainer oder Spieler wären, Flasche Bier in der Hand, Chipstüte auf der gewölbten Plautze abgelegt, nerven nicht nur die Ehefrauen.

In dieser Aufreihung der Klischees fehlt nun nur noch die Abneigung des gemeinen Homosexuellen gegen fast jede Form von Ballsportart – lässt man mal das tuntige Volleyball außen vor.

Ein kleiner persönlicher Blick in meine persönliche Vergangenheit: Ich erinnere mich noch an einen Wochenend-Tag Mitte der 70er Jahre. Wir hatten einen dieser typischen Schwarz-Weiß-Fernseher, bei denen man etwa alle 10 Minuten den Empfänger nachjustieren musste, direkt am Gerät an einem kleinen Zahnrad – nix da mit Fernbedienung – , und es gab etwa sieben Knöpfe, die mussten für die drei Programme in Westdeutschland reichen. An diesem Nachmittag wollte mein Vater unbedingt Fußball gucken. Ich fand das ja total langweilig, vor allem, weil man auf der kontrastarmen Mattscheibe kaum etwas erkennen konnte. Erst viel später wusste ich die kurzen Sporthöschen der Spieler und die Andeutungen dessen, was sich darin abzeichnete, zu schätzen. Ich war jedenfalls mit meinem damals fünfjährigen Dickkopf genervt und wollte lieber – Achtung: Es folgt ein Bekenntnis – zu Maria Hellwig umschalten. Ich liebte sie einfach – damals – mit ihrem „Servus, Grützi und Hallo“. Etwa viermal bin ich zum Gerät gelaufen und habe eigenmächtig auf’s zweite Programm geschaltet, viermal hat mein Vater zurückgeschaltet – bin fünften Mal hätte ich mir fast einen gefangen hätte und ich trollte mich – und ließ meinen Ollen eben alleine das ndspiel gucken. Ob er damals enttäuscht von mir war?

Fußball war nix für mich.

Als ich mit acht Jahren wegen Umzuges die Grundschule wechseln musste, von der fast dörflich geprägten Hellweg-Grundschule in Hamm-Berge zur Ludgeri-Grundschule im Neue-Heimat-Viertel Hamm-Norden, wollten die Prolls dort natürlich lieber Fußball spielen – anstelle der pädagogischen Sportgymnastik. Ich war nur noch genervt. Meine Karriere auf Platz 24 der Mannschafts-Auswahl – wenn Ihr den Fiedler nehmt, nehmen wir den Haarmann – begann – Der Fiedler ist später, glaub ich, auch schwul geworden.

Nein, Fußball war nie ´was für mich. In Hamm war man Fan von Schalke, obwohl Dortmund doch viel näher war, und mein älterer Bruder war – ganz nonkonformistisch – Fan von Bayern München – ich weiß nicht, ob er sich heute dafür schämt – sollte er jedenfalls.

Fußball war der Fixpunkt meines Versagens, was ich durch gute schulische Leistungen an anderer Stelle nur teilweise ausgleichen konnte. Wenn in Mathe oder Physik bei den Klassenarbeiten viele neben mir sitzen wollten, um von mir abschreiben zu können, war die Versager-Scharte wieder ausgewetzt – zeitweise.

Doch dann musste ich ausgerechnet nach Dortmund ziehen, in die Stadt der gelebten Fußball-Manie, in die Stadt, die ihre Straßen und Plätze schwarz-gelb anstreicht – zu hohen Feiertagen. Im Jahre 1989 erlebte ich, die Heimfahrt antretend, die Durchsage: „Willkommen in Dortmund-Hauptbahnhof, der Stadt des Deutschen Fußball-Pokal-Siegers“. Hallo, das war noch in den Zeiten, als die Deutsche Bundesbahn eine Behörde war… Einige Jahre später wurde ich in eine Straßenbahn des Typs GT8 – das waren diese superschweren Teile aus den 60er Jahren – verschlagen, und auf dem Weg zum Stadion hüpfe der ganze Wagen über die Schienen im Takt: „Wer wird Deutscher Meister – BVB Borussia“. Also gut, ein gewisses Interesse über den Tabellenplatz meiner inzwischen heimatlichen Borussia konnte ich von da an nicht verleugnen. Schon alleine weil man ja die Heimspiele bei seiner persönlichen Terminplanung berücksichtigen musste – jeden zweiten Samstag war einfach Ausnahmezustand in der Stadt.

Als ich 1997 mit meiner WG vor dem Fernseher saß und Lars Ricken im Champions-League-Finale zwei Tore reinhämmerte, habe ich erstmals auch die – sagen wir mal – ästhetischen Aspekte des Fußballs bewusst wahrgenommen. Ob es an den raffinierten Spielzügen lag, die ich inzwischen zu erkennen glaubte, oder an der besseren Kameratechnik, die es auch schon mal erlaubte, auf die mehr oder weniger attraktiven Fußballer zu zoomen, bleibt dahin gestellt. Lars Ricken jedenfalls fand ich seinerzeit ziemlich schuckelig! Hab ihm sogar mal ne eMail geschickt – und er hat geantwortet.

Während trotzdem der FIFA-Worldcup 2002 an mir vorüber gegangen ist, hat das WM-Virus mich dann aber im Jahre 2006 endgültig ereilt, nicht zuletzt weil ich in Sichtweite zum Westfalenstadion gewohnt habe. Auf der Dachterrasse verfolgten wir mit Freunden oder mit Familie die Spiele der Deutschen Mannschaft, und – HILFE – ich musste erkennen, dass ich inzwischen in der Panorama-Aufnahme die Namen der Deutschen Spieler aufsagen konnte. Lahm – Friedrich – Metzelder – Odonkor – Ballack – und, ja, auch der inzwischen als schwul geoutete Hitzlsberger.

Innehalten ob dieser Erkenntnis – und weitergröhlen.

Nun sind wir zwei WMs weiter – die Deutsche Mannschaft ist wieder Favorit – ich kenne schon wieder die meisten Spieler mit Namen. Ich schaue mir heutzutage jedes Deutsche  WM-Spiel an, mit gehöriger Tachykardie und Begeisterung, bleibe beim Durchzappen aber auch schon mal bei den Spielen der anderen Mannschaften hängen.

Und so bin ich – als schwuler Mann – also doch im Land der Fußball-Bekloppten angekommen.

Inzwischen blicke ich auch etwas wehmütig auf meine Kindheit und Jugend zurück. Warum konnte ich seinerzeit keine Begeisterung für’s Fußballspielen gewinnen? Wenn ich sehe, mit welchem Kampfgeist und mit welchem Selbstbewusstsein man beim Pöhlen ausgestattet wird – vom gesundheitlichen Benefit mal  ganz abgesehen – so wünsche ich mir manchmal, davon damals etwas mitbekommen zu haben. Selbst die mitunter prolligen Auswüchse – kameradschaftliches Abklatschen, die Jubel-Sandwiches, wenn ein Tor geschossen wurde, das Gröhlen und – ja, auch das Saufen – haben dann für mich eine gewisse Leichtigkeit, die mir in meinem Alltag oft fehlt.

Aber sei’s drum: Nun sitze ich vor dem Fernseher, ärgere mich über die inzwischen viel zu langen Hosen der heutigen Fußballer, freue mich aber über die hautengen und verschwitzten Trikots mancher Nationalteams, vor allem, wenn man die gut ausgeprägte Brustmuskulatur darunter sehen kann. Ich bewerte den Wert eines Spielers für seine Mannschaft nicht nur an der Eleganz seiner Spielzüge, sondern auch an seinem Aussehen, seiner Ausstrahlung. Und wenn nach dem Abpfiff die Helden vor die Kameras treten, verschwitzt, mit fleckiger Haut und ruinierter Frisur, das Blut eher in den erschöpften Muskeln als im Gehirn, wenn sie dann auch noch ein paar nette oder gar witzige Bemerkungen zum Spiel ins Mikro nuscheln, dann könnt ich mitunter zerschmelzen.

Nur die Boulevard-Zeitungen muss ich meiden, in denen die aufgetakelten Ischen aus der näheren Entourage näher beleuchtet werden. Diese Bilder zerstören dann doch mein Bild vom kameradschaftlichen Männersport. Das blende ich lieber aus, ich schließe die Augen und träume davon, wie mir – sagen wir – Mats Hummels seine WM-Medaille widmet. Ob ich mir demnächst ein Poster von ihm an die Wand hänge?

Schwule und Fußball – das ist eben doch etwas anders.