Filmkritik: Feier Fall

 Homoerotik im Polizeimilieu – wie hat man sich das vorzustellen?

Starke Kerle – brutale Fressen – schwarze Uniformen – muskulöse Körper – verschwitzte Umkleidekabinen – gemeinsame Mannschaftsduschen…

Ja, so – oder so ähnlich stellt man es sich vor … wenn man von diversen Homo-Pornos geprägt wurde.

Der Film „Freier Fall“ versucht sich zwar auch an diesem Setting. Ohne jedoch die allzu platten Klischees zu einseitig zu bemühen – schließlich gibt es auch Handlung…

Zur Geschichte:

Marc ist junger Polizist bei der Bereitschaftspolizei. In der Kaserne teilt er sich das Zimmer mit Kay. Man sitzt gemeinsam in den Vorlesungen, läuft im Trupp seine Laufrunden um den Sportplatz, teilt sich die Zigaretten, planscht nachts im Pool. Man ahnt ja schon, dass bei soviel männlichem Gebaren die – sagen wir mal Funken sprühen. Doch dazu später mehr.

Bei Marc wartet nämlich daheim der Braten in der Röhre, seine schwangere Freundin Bettina und die von den Eltern vorfinanzierte Doppelhaushälfte. Ganz heimelig grillt man mit seinen Kumpels und deren Frauen unter der orangefarbenen Markise im großen – aber phantasielosen Garten.

Ja, liebe Schwuppen, da haben wir einen guten Eindruck von dem, was wir verpasst haben. Oder wovor wir entkommen sind.

Kritische Anmerkung an dieser Stelle: Im Film geht eine Marlboro nach der anderen in Flammen auf. Die deutsche Regie hat es offensichtlich auch im Jahre 2013 noch nicht geschafft, ein anderen Requisit zu benutzen, um Coolness und Abchillen zu transportieren, scheiß was auf die Vorbildfunktion…

Spätestens hier wird aber – nicht nur für jeden Nichtraucher – Marcs Klage gegenüber seiner Bettina, er habe immer weniger Luft zum Atmen, doppeldeutig nachvollziehbar.

Ist es der Rauch vom Grill unter jener orangenen Markise? Raubt ihm gar die unter ihrer Schwangerschaft anschwellende Bettina die Luft? Oder die Eltern, die ein allzu kurzsichtiges Auge auf den lieben Sohn werfen?

Nein, es ist wohl eher Kollege Kay. Beim gemeinsamen Waldlauf fehlt Marc zunächst der Sauerstoff, und dann auch noch die Widerstandskraft, um der geilen Anmache etwas entgegen zu setzen. Am Ende bekommt der Satz: „Du gehst mir auf den Sack“ einen feuchten Beigeschmack.

Kay lässt sich nach dieser „Nummer“ in den Polizeitrupp von Marc versetzen, und so arbeitet man plötzlich Seite an Seite.

An dieser Stelle bricht die Buttercremetorten-Welt von Marc zusammen. Findet er nun seine Bettina wegen der Schwangerschaft unattraktiv und hat deshalb keinen Bock mehr auf Sex? Nö, er findet nur Kay viel attraktiver und macht ihm ganz oft den Bock – was durch viel nackte Männerhaut gut in Szene gesetzt wird.

Es kommt, wie es kommen muss: Getrieben von seinem Verlangen nach Kay baut Marc nun ein Lügenschloss um sich auf. Besuche in der Homo-Disko werden zu nächtlichen Sondereinsätzen, der Quickie mit Kay wird zu einem Waldlauf, um sich auf die Prüfung vorzubereiten, und dann schließlich noch der vermeintlich schlaue Schwur gegenüber Bettina, nein, er habe keine Affäre mit einer anderen Frau. Dass Marc später mehrfach beteuert, NICHT schwul zu sein, ist da nur selbstverständlich.

Kay dagegen provoziert inzwischen sein Outing gegenüber seinen Kollegen, indem er sich bewusst bei einer Razzia im Homo-Milieu erwischen lässt.

Und hier weicht endlich die Homo-Erotik im Polizeiniveau der wohl realistischeren

Darstellung von Mobbing im Männerverein. Polizisten sind schließlich auch nur Proleten, und so prügelt sich der Mannschaftsmacker mit Kay vor der Essensausgabe und blaue Augen und Nasenbluten sind die Folge. Aber immerhin: Kay steht seinen Mann.

Kartenhäuser sind dazu geschaffen, einzustürzen, und folgerichtig wird ein Kuss zwischen Marc und Kay von Marcs Mutti beobachtet – die weitere Geschichte ist fast vorhersehbar.

Nein, nicht ganz, wer nun aufgrund des Filmtitels dachte, einer der Protagonisten stürze sich vom hohen Balkon, der irrt.

Aber Szenen wie die Koffer packende Freundin, die Blicke der entgeisterten Mutti – „So haben wir Dich nicht erzogen“ -, der Kollege mit dem erigierten Schlagstock: Alles keine neuen Ideen, alles tausendmal schon gesehen oder gelesen.

Nun, Marc fällt ja schließlich auch nicht viel mehr ein. Seine Wortbeiträge beschränken sich dann auch auf vielsagendes wie: „Du bist ja bescheuert“, „Bettina, Bettina, Bettina“ oder „Es tut mir leid“. Immer und immer wieder – aber sonst nichts. Keine Empathie, keine Auseinandersetzung, weder mit seinem Gegenüber, vor allem nicht mit sich selbst.

Darin drückt sich eine Hilflosigkeit aus, die für mich das nachvollziehbarste Element dieses Filmes ist: Getrieben von den Vorgaben der Heterosexualität, ein spießbürgerliches Leben kopierend, sprachlos in geradezu dumpfer Übersteigerung, ohne eigene Impulse – nur diese unkontrollierbare und vernichtende Lust.

Wie so oft in Filmen gesehen ist es wieder mal dieses ekelige homosexuelle Verlangen, was die Herrlichkeit der reproduzierenden Hetero-Welt zum Einsturz bringt. Dass Schwul damit unterschwellig immer auch als BÖSE rüberkommt, ist scheinbar unvermeidbar. Wer schwul wird, verlässt seine eigene Sicherheit, so die Botschaft. Klingt irgendwie evangelikal.

Kommen wir zum Ende: Was bleibt Marc am Schluss? Er läuft und läuft und läuft – läuft davon – läuft und … bekommt schließlich die Luft, die er braucht.

Trotz aller Macken: Ich finde, dieser Film ist sehenswert: Nicht wegen der nackten Haut, nicht wegen brutal-erotischer Szenen, sondern wegen der toll agierenden Schauspieler. Kein Wohlfühlfilm, aber ein Film zum Mitfühlen.

Freier Fall – der Film läuft im Dortmunder Roxy mindestens noch bis zum kommenden Mittwoch, 05.06.