Der Schmerzcode – Liebscher & Bracht

Reichlich dick aufgetragen! – Penetrantes Marketing!,

Eine Freundin erzählte mir von Liebscher & Bracht (LNB), und da ich selber auch immer nach Möglichkeiten suche, meine Verspannungen zu lösen und eine gewisse Leichtigkeit und Geschmeidigkeit wiederzuerlangen, hatte ich natürlich die Hoffnung, dass sich hier ein neuer Weg bietet. Dazu kommt, dass ich mit meiner Heilpraktiker-Prüfung nach einer Methode suchte, die ich selber ggf. erlernen könnte. Daher mussten natürlich die theoretischen Grundlagen nachgelesen werden, also wurde dieses Buch bestellt.

Es bietet aber nichts davon. Der „Schmerzcode“ wiederholt mantrahaft die Behauptung (zunächst ist es für mich eine solche), dass 90% aller Schmerzen sogenannter Alarmschmerz seien, die durch LNB beseitigt oder erheblich gemindert werden könnten. Immer wieder! Und nochmal!
Soweit ist das ok, aber es erinnert mich ein wenig an amerikanische Marketing: Man muss nur lange genug etwas behaupten, bis es plötzlich glaubwürdig erscheint. Das ganze auf eine über-selbstbewusste Art, nach dem Motto: „Wir haben zu zweit die Schmerzforschung der letzten Jahrhunderte über den Haufen geworfen. Und unsere Methode ist die einzig richtige!“ Mir gefällt so etwas nicht! Ich halte nichts von solchen Heilungs-Evangelien. Es ist ok, wenn jemand neue Thesen in den Raum stellt, aber hier wird eine These als Gewissheit dargestellt. Ein wenig mehr Bescheidenheit wäre angebracht. Wenn man die LNB-Methode als – sagen wir – Diskussionsbeitrag für die Schmerzforschung versteht, ist es ok, aber nicht so penetrant dogmatisch!

Untermauert wird das ganze vor allem durch Heilungs-Anektdoten – so möchte ich sie nennen. Wie z.B. die Frau, die nach einer angeblichen Fibromyalgie-Diagnose ihren Wadenschmerz beseitigt bekommt (Seite 62&63). Und daraus wird nun, dass man Fibromyalgie generell durch LNB beseitigen könne, da es ja nur eine Ansammlung von Alarmschmerzen sei.

Natürlich wird auch eine Begründung mitgeliefert, warum LNB im Einzelfall nicht funktionieren kann. Ergänzend kommen nämlich Ernährung, Elektrosmog und Stress als Schmerzauslöser oder -verstärker hinzu. An dieser Stelle muss dann auch die promovierte Ärztin Dr. Petra Bracht ihren Beitrag zum LNB-System leisten – allerdings wird dieser Aspekt so nebensächlich dargestellt, dass ich den Eindruck habe, Frau Dr. Bracht soll als medizinisches Feigenblatt herhalten. V.a. wird damit das Versagen der Methode wieder in die Hand des Betroffenen gelegt. Das erinnert mich so ein bisschen an die Aussage: „Wenn Du gebetet hast, dass der liebe Gott die hilft und er Dir nicht geholfen hat, dann hast Du einfach nicht genug gebetet! Du bist es halt selber in Schuld.“ Oder wahrscheinlich hat der Patient die vorgeschriebenen „Engpassdehnungen“ (s.u.) nicht richtig oder nicht genügend durchgeführt. Jaja, man sollte bei so vielen Versprechungen mindestens aus juristischen Gründen eine Hintertür offenhalten.

Ich muss anerkennen, dass schließlich – irgendwo im gefühlten letzten Fünftel des Buches – eine Statistik von Schmerzverbesserungen mitgeliefert wird, die die Teilnehmer an den Kursen erfahren. Wenigstens hier ist ein annähernd wissenschaftliches Vorgehen zu sehen. Allerdings wird damit auch wieder der Blick auf die Lehrgänge gelenkt.
Denn der wesentliche Baustein der Methode – die „Osteopressur“ – wird auf wenigen Seiten abgehandelt… oder sagen wir besser erwähnt. Nicht ein Beispiel, wo man an sich selber drücken könnte, nicht eine Muskel-/Faszien-Funktionskette mit einem konkreten „Schmerzdruckpunkt“, nicht eine fundierte Darstellung der Pathophysiologie. Dazu wird dann immer auf die Kurse bzw. auf die LNB-Therapeuten verwiesen. „Hier, Du darfst mal daran schnuppern, aber ich verrate Dir erst gegen Zahlung eines hohen Betrages, wo das Geheimnis liegt!“ Die Kurse sind dann exorbitant teuer! Ich habe was von ca. 3000 € für vier Tage gelesen. Und dazu sollen dann später noch die LNB-Lizenz-Abgaben im Sinne eines Franchise-Vertrages kommen. Hallo, geht’s noch? Da müsste schon noch mehr Fleisch an die Sache, bevor ich mich da anmelde. Man kann zwar an verschiedenen Stellen im Netz auch Video-Vorträge sehen, die aber letztlich auch nur eine immer wiederkehrende Sammlung von Versatzstücken immer des gleichen Stoffes sind. Nur das „letzte Geheimnis“ – die Druckpunkte – bleibt denjenigen vorbehalten, die bereit sind dafür zu bezahlen, und zwar viel!

Interessant übrigens: Alle Engpassdehnungen, die ich per Video gesehen habe – das ist der Heilungsbaustein, der bei den Patienten liegt – finden sich auch im Yoga wieder! Konkret: Ich versuche mit Vinyasa-Yoga und Yin-Yoga etwas zu tun. Und siehe da, geht auch. Und die Haltungen sind teilweise 1:1 übernommen! Und Yoga ist die ältere Methode!
Immerhin habe ich durch die Erwähnung der Osteopressur selber mal an meiner Darmbeinschaufel probeweise herumgedrückt… und eine Ahnung davon bekommen a) wie schmerzhaft das Drücken durch einen Therapeuten dann werden könnte und b) dass da tatsächlich Schalter sind, auf die man zur Schmerzlösung drücken müsste.

Ich bin wahrlich keiner, der ganzheitliche Heilmethoden ablehnt, nur weil die schulmedizinischen Studien fehlen. Dazu stehe ich der Schulmedizin auch viel zu kritisch gegenüber – und den Studien, die i.d.R. durch Pharmaunternehmen finanziert werden. Aber m.E. liegt der Erfolg dieser Methode vor allem in der Marketing-Methode.
Wer sich diese ca. 280 Seiten dieses Buches ggf. sparen will, greift zu einem anderen LNB-Buch (z.B. „Faszien-Rollmassage“), wo die Infos gestraffter sind. Achtung bei LNB bei Youtube: Auch hier sind oft die Meinungen von LNB-Jüngern zu finden.

Fazit: Die Idee hinter LNB mag ja funktionieren, kann und will ich selber gar nicht beurteilen. Dieses Buch aber ist sehr dick aufgetragen, bietet aber letztlich zu wenig fundierte Informationen.