Ist schon in Ordnung

von Per Petterson

James Dean auf Norwegisch

Die Geschichte handelt von einem Jungen. Oder jungen Mann? Sie spielt in Norwegen, und der Autor verlangt schon viele Kenntnisse der Umgebung von Oslo, der gesellschaftlichen Bedingungen, der damaligen politischen Situation – oder halt Phantasie. Ich habe versucht, die Lücken, die mir im Begreifen blieben, zu akzeptieren und mich durchzuarbeiten, und es fiel mir nicht leicht, alle Andeutungen zu verstehen. Ich habe halt nicht im Norwegen der 70er Jahre gelebt und wollte während des Lesens auch keinen Stadtplan neben mir liegen haben.

Auduns Familienverhältnisse bleiben lange im Dunkeln. Da gibt es eine Mutter und eine Schwester, dann kommt in einer Rückblende der Bruder vor, der vor wenigen Jahren bei einem Autounfall gestorben ist. Doch diese Gestalten bleiben meist unscharf, man lernt sie nicht kennen. Und der Ich-Erzähler scheint auch keinerlei Empathie zu haben, die sein Interesse an seinen Mitmenschen begründen würde. Liebevoller Umgang findet gar nicht statt, lediglich zu seinem besten Freund Arvid entwickelt er sowas ähnliches wie Vertrauen – ich möchte es nicht „Gewöhnung“ nennen- , wobei dies auch eher von dem Wissen bestimmt ist, welche 1000 Dinge man wohl besser gar nicht anspricht. Von den Gefühlen wird allenfalls die Wut thematisiert, alles andere – Liebe, Verlangen, Angst, Hoffnung … – wird überhaupt nicht erwähnt. Soll das vielleicht auch die Gefühlswelt eines 18jährigen wiederspiegeln, oder eher den inneren Dialog?

Irgendwann kristallisiert sich heraus, dass etwas mit dem Vater ist. Alkoholiker? Gewalttäter? Obdachloser? Krimineller? So ganz klar ist es mir bis zum Schluss nicht geworden. Soll dies auch ein Zeichen dafür sein, der Ich-Erzähler könne sich selber nicht damit auseinandersetzen? Hm!

Jedenfalls vermittelt Audun das Bild von absoluter Autonomie. Er will cool sein, auch wenn dieses Wort so nicht fällt. Aber die Sonnenbrille, das ständige Rauchen selbstgedrehter Kippen, die Aggressionen, das Krafttraining, die Unnahbarkeit, der dicke Panzer um die Seele herum. So würde sich James Dean in Norwegen gebärdet haben. 

Bei der Erzählung helfen die Ich-Perspektive und die Gegenwartsform. Dadurch sehe ich einen unreflektierten Menschen vor mir, einen, der noch nicht hinterfragt hat, was er eigentlich warum tut. Angesichts der Literatur, die Audun verzehrt haben soll, ist es erstaunlich, dass er keine Erkenntnisse daraus abgeleitet hat – außer eben cool sein zu wollen, und das kommt ja eher von Jimmy Hendrix… Die Rückblenden füllen manche Lücken, aber eben nicht alle und manches erzeugt eher neue Fragen, als alte zu beantworten. Viele Geschichten und Andeutungen verlangen eigentlich, weiter ausgebaut zu werden, aber da muss wohl bei Gelegenheit die eigene Phantasie ran.

Ich fühlte mich nach dieser Geschichte beklommen. Eine Lebensgeschichte von jemanden, der eigen sein will, dann aber aus eigener – dummer? – Entscheidung zu früh in die Mühlen der ausweislich dumpfen Arbeitswelt eintritt, um einen betäubenden  Job zu tun und dabei nichts merkbar besser zu machen, als der verhasste Vater. Dieser hat seinen Freiheitsdrang wenigstens ausgelebt; wird Audun sich stattdessen einfügen, unterordnen, einzwängen lassen? Oder wird er genauso wie sein Vater? Graus!

Die Schlussszene gibt etwas Hoffnung, missrät dem Schreiber aber leider für meinen Geschmack: Wer ist Martin Eden; habe ich da was verpasst? Ob am Ende der Knoten durchschlagen wurde, bleibt offen; der Schlusssatz soll wohl Hoffnung machen, dass alles noch gelingen kann. Aber von welchem Himmel soll dann eigentlich der Wille zur Veränderung – die m.E. nötig wäre – gefallen sein?